Was ist eigentlich Empathische Biografiearbeit?

Vielleicht hast du den Begriff „Empathische Biografiearbeit“ noch nie gehört und fragst dich, welchen Nutzen diese Coachingmethode für dich haben könnte. Wenn du dich in einer der folgenden Aussagen wiederfindest, dann ist dieser Artikel für dich:

In deinem Leben gibt es immer wieder Konflikte, die nach einem typischen Muster ablaufen – nur die jeweiligen Konfliktpartner ändern sich?

Du hast dieses eine Thema, bei dem du jedes Mal durch die Decke gehen könntest, egal wie sehr du dich bemühst, cool zu bleiben?

Vielleicht fällt es dir aber auch schwer, Grenzen zu setzen und gut für dich zu sorgen?

Die Liste möglicher ‚Lebensthemen‘ ist lang. Die Empathische Biografiearbeit beruht auf der Annahme, dass die meisten dieser Themen ihren Ursprung schon in unserer Kindheit und Jugend haben oder durch einschneidende Ereignisse im weiteren Verlauf unseres Lebens entstanden sind. Viele dieser Ereignisse mögen auf den ersten Blick recht unspektakulär wirken und man könnte sie abtun mit einem „Haben andere das nicht auch überlebt?“

Entscheidend dafür, dass etwas zu unserem Lebensthema wurde, ist aber, dass wir das Erlebte damals aufgrund der Umstände nicht angemessen verarbeiten konnten und deshalb eine ‚Wunde’ davongetragen haben, die immer noch schmerzt, wenn sie im Alltag berührt, also getriggert, wird.

Die gute Nachricht ist: Als Erwachsene sind wir in der Lage, diese Wunde fachmännisch zu verarzten, in dem wir noch einmal mit einem empathischen, liebevollen Blick auf das damals Erlebte schauen, den Schmerz bewusst ‚durchfühlen’ und schließlich erkennen, welche unserer Bedürfnisse zu kurz gekommen sind. 

Warum spielt Empathie so eine große Rolle?

Grob vereinfacht kann man sagen, dass viele dieser Wunden in unserer frühen Kindheit entstanden sind, weil wir damals nicht gesehen wurden in unserem Schmerz, weil unsere Bedürfnisse entweder nicht erkannt oder sogar bewusst ignoriert wurden. Es war also niemand da, der einen empathischen Blick auf uns und unsere Not hatte und uns angemessen begleitet hätte.

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden.“

Wikipedia

Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Ob wir bei einem Sturz nun ein „Heul nicht rum“ oder ein etwas liebevoller verpacktes „Bis du heiratest, ist alles wieder gut“ zu hören bekamen – beides war für uns nicht hilfreich und könnte auf Dauer dazu geführt haben, dass wir unserer eigenen Wahrnehmung nicht mehr richtig trauen konnten. Was nämlich als einzelnes Erlebnis aus Erwachsenensicht tatsächlich keine große Sache ist, prägte in uns möglicherweise über das Erleiden zahlreicher ähnlicher Situationen den Glaubenssatz „Was ich fühle, ist nicht richtig oder zumindest nicht wichtig.“

Die Wunde, die dadurch entstanden ist, wird heute im Alltag immer dann berührt, neu aufgerissen, wenn wir ein schmerzhaftes Erlebnis haben, sei es körperlicher oder seelischer Natur. Unbewusst fallen wir dann in die Hilflosigkeit und Scham der 3-Jährigen zurück: „Was ich fühle, ist nicht richtig oder nicht wichtig.“ Und damit aktiviert sich auch jedes Mal wieder die damals erfolgreiche ‚Überlebensstrategie‘. Zum Beispiel: Zähne zusammenbeißen! Ich sollte mich lieber nicht so anstellen! Es ist besser, mich selbst nicht so wichtig nehmen!

Ein empathischer Blick darauf hilft zu erkennen, dass all diese Strategien für das kleine Kind nützlich, ja sogar überlebenswichtig waren. Denn wenn es darauf ankommt, muss ein Kind sich immer dafür entscheiden, die Verbindung zu den Eltern aufrechtzuerhalten, auch wenn Selbstverleugnung dafür der (hohe) Preis ist. Genauso wichtig ist aber auch zu realisieren, dass wir heute, als Erwachsene, ganz andere Möglichkeiten haben, uns zu schützen, uns abzugrenzen und für uns zu sorgen. Wie kann das gelingen?

Kann nachträgliche Empathie etwas bewirken?

Es gibt zahlreiche Gründe dafür, dass unsere Eltern nicht immer so reagiert haben, wie es für uns als Kind angemessen und hilfreich gewesen wäre: die eigene Prägung, der damals gesellschaftlich übliche Umgang mit Kindern oder Überforderung und Hilflosigkeit, um nur einige zu nennen. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Fakt ist, dass wir unsere Kindheit nicht ungeschehen machen oder nachträglich ändern können.

Niemand durchlebt seine Kindheit, ohne seelische Wunden und körperliche Narben davonzutragen.“

Jesper Juul

Zum Glück bedeutet das aber nicht automatisch, dass wir gezwungen sind, diese Zeitschleife immer und immer wieder zu durchleben. Jetzt sind wir erwachsen und können selbst für uns sorgen! Nur leider haben die meisten von uns nicht gelernt, wie das geht. Die liebevolle, empathische Stimme, die unsere Eltern hätten prägen sollen, konnten wir nicht verinnerlichen bzw. (noch) nicht entwickeln. 

Hier setzt nun die Empathische Biografiearbeit an:

Die meisten Klient*innen kommen übrigens mit ganz normalen Alltagsproblemen, die zunächst keinen Bezug zur Kindheit erkennen lassen. Erst nach und nach, und nur, wenn diejenige dazu auch wirklich bereit ist, wagen wir uns weiter zurück in der Biografie, um mögliche Ursprünge zu erkennen. In vielen Fällen ist es aber gar nicht nötig, so weit zurück zu gehen. Entscheidend für jede Session ist, dass deine Gefühle und Gedanken Raum bekommen, dass sich für dich die Möglichkeit eröffnet, dich selbst zu spüren und so deine unerfüllten Bedürfnisse hinter deinen Bewertungen und Emotionen deutlich werden können. Denn wenn das erreicht ist, kannst du gut für dich selbst sorgen.

  • Es ist absolut wohltuend, einmal -vielleicht zum ersten Mal- den Raum zu bekommen und ganz bei dir bleiben zu können.
  • Du musst niemanden in Schutz nehmen, Dinge relativieren oder schönreden, sondern du erhältst endlich all die Empathie, die Anerkennung deiner Verletzungen, die du eigentlich als kleines Kind oder hilflose Jugendliche in der damaligen Situation hättest erfahren müssen. 
  • Möglicherweise hörst du zum ersten Mal Sätze wie: „Ja, das war schwer für dich, du hättest … gebraucht, aber nicht bekommen.“ 
  • Und dann schaffst du es vielleicht sogar, den Schmerz zum ersten Mal wirklich zuzulassen und auch auszuhalten, weil du getragen wirst von der liebevollen, achtsamen Präsenz des Coaches.

Dadurch lösen sich Dinge auf mehreren Ebenen: Zum einen kannst du den Schmerz, die Verzweiflung, die Trauer nach und nach gehen lassen. Oft sind diese Gefühle tief im Körpergedächtnis gespeichert und suchen immer wieder Wege, sich zu zeigen, bis sie gesehen und gewürdigt werden. Zum anderen wird dir nach und nach auch endlich klar, welche unerfüllten Bedürfnisse eigentlich hinter all dem stecken, was dich wiederum deine heutige Reaktion auf getriggerte Wunden leichter verstehen und im zweiten Schritt dann auch ändern lässt. 

Es ist nie zu spät für Empathie

Egal, was wir schon alles erlebt haben, wie alt wir mittlerweile sein mögen, es ist nie zu spät, uns selbst mit verständnisvoller Aufmerksamkeit zu begegnen. Je mehr Empathie wir dabei zunächst von außen erfahren haben, desto leichter fällt es uns mit der Zeit, nachsichtiger und liebevoller mit uns umzugehen. Wir erkennen, was wir schon alles geleistet haben in unserem Leben, finden möglicherweise eine Art roter Faden und entdecken sogar Ressourcen, die ein holpriger Lebenslauf uns zum Ausgleich beschert hat.

Einer meiner Glaubenssätze lautete aufgrund verschiedener Umstände in meiner Kinderheit zum Beispiel: „Ich darf niemandem zur Last fallen.“ Meine Überlebensstrategie bestand folglich darin, allem zuvorzukommen, wodurch ich Aufmerksamkeit zur falschen Zeit beanspruchen würde. Ständig scannte ich wohl unbewusst die Lage, um zu erspüren, wie gerade die Stimmung war und was in der jeweiligen Situation von mir erwartet werden könnte. Ich war immer eher bei den anderen als bei mir.

Eine Strategie, die mich im Erwachsenenalter lange daran gehindert hat, herauszufinden, wer ich eigentlich bin und was ich eigentlich möchte. Aber meine dadurch sehr ausgeprägte (Hoch-)Sensibilität ist auch eine Ressource, auf die ich heute bewusst zugreife: In meinen Coachings kann ich Menschen offen und empathisch zuhören, ihre oft widerstreitenden Gefühle und Nöte wahrnehmen und sie einfühlsam dabei begleiten, Lösungsansätze zu finden.

Disclaimer: Bei der Empathischen Biografiearbeit handelt es sich um eine Coachingmethode und nicht um eine Therapieform. Wenn du in deiner Kindheit Gewalt, Missbrauch oder ähnliche gravierende Verletzungen erlitten hast, ist die Behandlung bei einer entsprechend ausgebildeten Therapeutin angezeigt.

Empathische Biografiearbeit selbst erleben

Empathische Biografiearbeit ist auch der Name der Coachingausbildung, die ich bei Alexandra Boos und Markus Fischer (knotenloesen.com) absolviert habe und die Coachingmethode, für dich ich mich aufgrund einschlägiger eigener Erfahrungen und positiver Ergebnisse in der Arbeit mit anderen entschieden habe.

3 Kommentare

    1. Das freut mich sehr! Hast du den Artikel „Meine 5 besten Tipps für deinen Einstieg in die Biografiearbeit“ schon gelesen? Dort kriegst du Anregungen, wie du schon mal selber starten kannst. Bei Fragen kannst du dich gerne melden.
      Liebe Grüße
      Carolin

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